Besetzung Palästinas
"Breaking the Silence" berichtet über Besatzungsmethoden in Palästina. Foto: Jeremias Eichler; Bearbeitung: Julia Kreisig
Das Ortschild ist ein Felsbrocken, auf dem mit rotem Sprühlack der Name des Dorfes geschrieben ist: Susiya. Die Ortschaft liegt im südlichen Palästina auf der Spitze eines kleinen Hügels, erreichbar über einen schmalen holprigen Trampelpfad. Die Bevölkerung lebt in Zelten, die aus Müllplanen errichtet wurden. Es gibt nur eine Toilette für alle 350 Einwohner. Steppe, kniehohe Büsche, Dürre und Ruhe, zeichnen die Szenerie der Gegend. Ganz anders ist das Bild auf der nächsten Hügelspitze: Eine prunkvolle Siedlung, üppig-grüne Palmen, asphaltierte Straßen und klimatisierte Häuser. Dort leben Menschen die sich als orthodoxe Juden bekennen und aus aller Herren Ländern nach Israel gekommen sind. In Susiya hingegen leben Beduinen – einfache Bauern und Hirten, die Oliven ernten und Ziegen züchten. Damit verdienen sie ihr tägliches Brot.
Gewalt und Kontrolle
Doch Unterdrückung und ständige Umsiedlung, angeordnet durch das israelische Militär, zerstören ihren Arbeitsalltag. Die Geschichten, die während der Besetzung palästinensischer Gebiete geschehen, sammelt die Organisation "Breaking the Silence". Es sind vor allem die Geschichten von Veteranen der israelischen Armee. Avichay ist Mitglied dieser Gruppe und Reservist der "Israeli Defence Force" (IDF). Zur Sicherheit will er seinen vollständigen Namen nicht verraten. Avichay hilft uns, die Erzählungen eines Einwohners von Susiya zu übersetzen. Demnach dürfen die Dorfbewohner aus Sicherheitsgründen keine Waren an israelische Siedlungen verkaufen. Willkürliche Kontrollen durch das Militär lassen die Menschen in Angst leben. In seiner Dienstzeit musste Avichay die Dorfbewohner mutwillig aus ihren Zelten jagen und ihre Habseligkeiten durchsuchen. Für einige Soldaten ist so etwas die einzige Abwechslung zum öden Dienst. Offiziell bezeichnet das Militär die willkürlichen Durchsuchungen als "Kontrollen". Irgendetwas lässt sich immer finden.
Durch Aufklärung zum Ziel
Yehuda Shaul, begriff erst nach Ablauf des Wehrdienstes die Ausmaße seiner Missionen für die IDF. Daraufhin gründete er im Juni 2004 "Breaking the Silence" und eröffnete zum Auftakt eine Ausstellung über die Militäreinsätze in Hebron. Das Ziel der Organisation ist, international auf die unmenschlichen Methoden des israelischen Militärs aufmerksam zu machen. Die Reaktionen der IDF waren eindeutig: "Es wurden Ermittler geschickt, die in die Ausstellungsräume einbrachen und Exponate konfiszierten", erzählt Shaul. Beschlagnahmt wurden zum Beispiel Fotos von Palästinensern, die von Soldaten misshandelt wurden. Als die IDF feststellte, dass ihre Vorgehensweise gegen "Breaking the Silence" lediglich zu mehr Aufmerksamkeit führte, änderten sie die Taktik: "Bis zu fünf mal im Jahr wurden wir einbestellt, um Seminare für Soldaten zu halten", erklärt Shaul.
Ernennung zum Staatsfeind
Als die Organisation im Jahr 2009 ein Buch mit Zeugenberichten von Soldaten veröffentlichte, "erklärte man uns zum Staatsfeind", so der Gründer. Plötzlich wurde die Organisation aus allen Richtungen attackiert. Die Behörden versuchten Auftritte in der Öffentlichkeit zu unterbinden: "Der israelische Premierminister Netanjahu stellte sich höchstpersönlich gegen uns", so Shaul. Doch die Gruppe ließ sich nicht beirren. Fast 800 Freiwillige sammeln Zeugenaussagen und veröffentlichen diese auf der Internetseite von "Breaking the Silence". Außerdem werden Führungen durch das palästinensische Gebiet organisiert. Die meisten Mitglieder der Organisation sind Reservisten, die das Vorgehen der Armee in den Palästinensergebieten für falsch, ja unmenschlich halten. In Israel wird die Wehrpflicht strikt durchgesetzt, Wehrdienstverweigerer kommen ins Militärgefängnis. Ausnahmen gibt es lediglich für die streng orthodoxen Juden.
Den Atem des Militärs im Nacken
Probleme, mit denen "Breaking the Silence" zu kämpfen hat, entstehen unter anderem bei den Zensurbehörden: "Wir lassen alles kontrollieren, da wir die israelische Sicherheit nicht gefährden wollen", sagt Yehuda Shaul. Die IDF könnte sich einen schädigenden Ruf nicht leisten, da sie an Regierungsentscheidungen beteiligt ist. "Trotzdem möchten wir zeigen, wie das Militär und die Behörden speziell bei der Besetzung vorgehen." Gründe für diese Vorgehensweise betrachtet jeder anders: Die Einen argumentieren mit der israelischen Sicherheit und andere sehen Araber nicht als Menschen an, um nur einige Beispiele zu nennen. Für Shaul ist es ein Dilemma: "Ich würde sagen, der einzige Weg ist, die gesamte Besetzung zu beenden. Die Kontrolle der Palästinenser ist allerdings der einfachere Weg." Ein Spruch, der unter den Soldaten bekannt ist verdeutlicht dies: "Sie sollen sich verfolgt und gejagt fühlen. Immer den Atem des Militärs in ihrem Nacken spüren! Sie wissen nie, wo wir sind, was wir machen oder wie wir es machen!", übersetzt es Yehuda Shaul. Verantwortlich ist für ihn jedoch nicht das Militär: "Wir richten uns gegen die Gesellschaft, die zu diesen Handlungen drängt und jene, die der IDF die Mission erteilen." Für Susiya wird es in naher Zukunft keine Besserung geben. Die Friedensverhandlungen ruhen und der UN-Sicherheitsrat tut sich schwer Palästina als Staat anzuerkennen.
Gewalt und Kontrolle
Doch Unterdrückung und ständige Umsiedlung, angeordnet durch das israelische Militär, zerstören ihren Arbeitsalltag. Die Geschichten, die während der Besetzung palästinensischer Gebiete geschehen, sammelt die Organisation "Breaking the Silence". Es sind vor allem die Geschichten von Veteranen der israelischen Armee. Avichay ist Mitglied dieser Gruppe und Reservist der "Israeli Defence Force" (IDF). Zur Sicherheit will er seinen vollständigen Namen nicht verraten. Avichay hilft uns, die Erzählungen eines Einwohners von Susiya zu übersetzen. Demnach dürfen die Dorfbewohner aus Sicherheitsgründen keine Waren an israelische Siedlungen verkaufen. Willkürliche Kontrollen durch das Militär lassen die Menschen in Angst leben. In seiner Dienstzeit musste Avichay die Dorfbewohner mutwillig aus ihren Zelten jagen und ihre Habseligkeiten durchsuchen. Für einige Soldaten ist so etwas die einzige Abwechslung zum öden Dienst. Offiziell bezeichnet das Militär die willkürlichen Durchsuchungen als "Kontrollen". Irgendetwas lässt sich immer finden.
Durch Aufklärung zum Ziel
Yehuda Shaul, begriff erst nach Ablauf des Wehrdienstes die Ausmaße seiner Missionen für die IDF. Daraufhin gründete er im Juni 2004 "Breaking the Silence" und eröffnete zum Auftakt eine Ausstellung über die Militäreinsätze in Hebron. Das Ziel der Organisation ist, international auf die unmenschlichen Methoden des israelischen Militärs aufmerksam zu machen. Die Reaktionen der IDF waren eindeutig: "Es wurden Ermittler geschickt, die in die Ausstellungsräume einbrachen und Exponate konfiszierten", erzählt Shaul. Beschlagnahmt wurden zum Beispiel Fotos von Palästinensern, die von Soldaten misshandelt wurden. Als die IDF feststellte, dass ihre Vorgehensweise gegen "Breaking the Silence" lediglich zu mehr Aufmerksamkeit führte, änderten sie die Taktik: "Bis zu fünf mal im Jahr wurden wir einbestellt, um Seminare für Soldaten zu halten", erklärt Shaul.
Ernennung zum Staatsfeind
Als die Organisation im Jahr 2009 ein Buch mit Zeugenberichten von Soldaten veröffentlichte, "erklärte man uns zum Staatsfeind", so der Gründer. Plötzlich wurde die Organisation aus allen Richtungen attackiert. Die Behörden versuchten Auftritte in der Öffentlichkeit zu unterbinden: "Der israelische Premierminister Netanjahu stellte sich höchstpersönlich gegen uns", so Shaul. Doch die Gruppe ließ sich nicht beirren. Fast 800 Freiwillige sammeln Zeugenaussagen und veröffentlichen diese auf der Internetseite von "Breaking the Silence". Außerdem werden Führungen durch das palästinensische Gebiet organisiert. Die meisten Mitglieder der Organisation sind Reservisten, die das Vorgehen der Armee in den Palästinensergebieten für falsch, ja unmenschlich halten. In Israel wird die Wehrpflicht strikt durchgesetzt, Wehrdienstverweigerer kommen ins Militärgefängnis. Ausnahmen gibt es lediglich für die streng orthodoxen Juden.
Den Atem des Militärs im Nacken
Probleme, mit denen "Breaking the Silence" zu kämpfen hat, entstehen unter anderem bei den Zensurbehörden: "Wir lassen alles kontrollieren, da wir die israelische Sicherheit nicht gefährden wollen", sagt Yehuda Shaul. Die IDF könnte sich einen schädigenden Ruf nicht leisten, da sie an Regierungsentscheidungen beteiligt ist. "Trotzdem möchten wir zeigen, wie das Militär und die Behörden speziell bei der Besetzung vorgehen." Gründe für diese Vorgehensweise betrachtet jeder anders: Die Einen argumentieren mit der israelischen Sicherheit und andere sehen Araber nicht als Menschen an, um nur einige Beispiele zu nennen. Für Shaul ist es ein Dilemma: "Ich würde sagen, der einzige Weg ist, die gesamte Besetzung zu beenden. Die Kontrolle der Palästinenser ist allerdings der einfachere Weg." Ein Spruch, der unter den Soldaten bekannt ist verdeutlicht dies: "Sie sollen sich verfolgt und gejagt fühlen. Immer den Atem des Militärs in ihrem Nacken spüren! Sie wissen nie, wo wir sind, was wir machen oder wie wir es machen!", übersetzt es Yehuda Shaul. Verantwortlich ist für ihn jedoch nicht das Militär: "Wir richten uns gegen die Gesellschaft, die zu diesen Handlungen drängt und jene, die der IDF die Mission erteilen." Für Susiya wird es in naher Zukunft keine Besserung geben. Die Friedensverhandlungen ruhen und der UN-Sicherheitsrat tut sich schwer Palästina als Staat anzuerkennen.
Autor: Jeremias Eichler







